MEINUNG

Bundestrainer Jogi Löw verordnete Stammkraft Sami Khedira nach der WM 2018 eine Auszeit. Ohne dabei dessen große DFB-Nationalteam-Karriere offiziell für beendet zu erklären. Einberufen hat Löw Khedira seitdem nie wieder. Jetzt macht der Bundestrainer gefühlt das Gleiche mit Jerome Boateng

Unter dem Begriff „Ghosting“ versteht man in Partnerschaften einen völligen Kontakt- und Kommunikationsabbruch mit einer Person – ohne Verlautbarung des Kontakt- und Kommunikationsabbruch. Ghoster schmeißen Personen aus ihrem Leben, ohne diesen Personen zu sagen, dass sie draußen sind. Sie melden sich einfach nicht mehr. Die betroffene Person glaubt, dass sie noch Teil des Ganzen ist – ist sie aber nicht mehr. Hat ihr nur noch niemand gesagt. 

Was Joachim Löw die letzten Monate mit Sami Khedira anstellte, erinnert an Ghosting (Vergeisterung, vor allem von unsicheren Teenagern gerne praktiziert). Der Bundestrainer meinte nach dem WM, er würde Sami Khedira eine Auszeit gönnen, er wisse was er an ihm habe, bei guter Leistung könne er jederzeit wieder ins Nationalteam zurückkehren. Was nie mehr passierte. Löw ließ Khedira, seinen langjährigen Weggefährten, seit Monaten völlig außen vor. Niemand weiß, ob der Teamchef den Juve-Legionär noch als bestehendes Mitglied seiner Mannschaft sieht. Wohl auch Khedira selbst nicht, der zum DFB-Geist mutierte. Löw hätte über mehrere Monate bei mehreren Nominierungen die Möglichkeit gehabt, den zentralen 31-jährigen Mittelfeld-Spieler wieder einzuberufen. Allein, er tat es nicht. Khedira ist noch da, aber irgendwie auch nicht mehr. Es hat immer mehr den Anschein, als wäre die große DFB-Team-Karriere des Sami Khedira vorüber. 

Das Gleiche macht Löw gefühlt nun mit seinem langjährigen Vertrauten auf der Innenverteidiger-Position, Jerome Boateng. Den formschwachen, fehlerhaften und alternden Ü30-Bayern-Spieler berief er dieser Tage mit ähnlichen Worten nicht mehr in den Kader ein, wie er sie damals gegenüber Khedira aussprach. Wieder wählte Löw so Worte wie: Er braucht eine Pause, ich kenne ihn gut, die Tür zum Nationalteam bleibt bei entsprechender Leistung offen.

Löw fällt es schwer, Karrieren zu beenden

Es sei zur Verteidigung des Bundestrainers formal festgehalten: Löw teilte seine Entscheidung damals Khedira genauso persönlich mit, wie Boateng jetzt. Aber trotzdem bekommt man den Eindruck nicht los, dass der Bundestrainer – vor allem bei Khedira – es nicht übers Herz bringt, dessen Team-Karriere eigenhändig zu beenden. Löw war noch nie gut darin, Karrieren für beendet zu erklären. Schon nach der Weltmeisterschaft in Russland traten stark angezählte und weidwunde Spieler wie ein Gomez oder Özil von sich selbst aus zurück. Der Bundestrainer machte auf Kanzlerin und schwieg zu diesen Themen. Auch nach dem famosen Weltmeistertitel 2014 nahmen ihm Spieler wie Lahm, Klose oder Mertesacker die Entscheidung ab. Ja, wann hat es das eigentlich bei Jogi Löw je gegeben, dass dieser in seiner Position als Bundestrainer eine Kündigung aussprach? Einen Stefan Kießling ließ Löw viele Jahre im Ungewissen darben, bis dieser von sich aus den Hut drauf haute und seine DFB-Teamkarriere selber beendete. Bei der Pleiten-WM in Russland war ein großer Kritikpunkt an Löw, dass er es nicht könne, seine Spieler zu kritisieren, klare Ansagen zu machen und unangenehme Entscheidungen zu treffen. Manchen fällt es schwer „Ich liebe dich zu sagen. Löw fällt es schwer „Sami, unsere gemeinsam Zeit ist vorbei“ zu sagen. Oder, noch konkreter: „Jerome, du spielst seit über 1 Jahr unterirdisch. Außerdem bist du 30 Jahre alt, bei der EM 2020 fast 32 Jahre alt. Ich werde dich ab sofort nicht mehr für das Nationalteam nominieren, weil ich auf die aufstrebenden Jung-Stars setzen werde.“  

Ghosting – Angst vor Konflikten und negativen Emotionen

Klassisch für Ghosting-praktizierende Menschen ist die Problematik oder gar Unfähigkeit, sich schwierigen Situationen zu stellen. Konkret stehen häufig Ängste dahinter, einen anderen Menschen mit einer unangenehmen Sache konfrontieren zu müssen. Ghoster fürchten den Konflikt. Sie vermeiden es tunlichst, sich den negativen Emotionen des Anderen aussetzen zu müssen. Ein menschliches und ein verständliches Verhalten – aber kein angenehmes für den Leidtragenden. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende…

Sie hatten sich mehrere Wochen lang getroffen, den ganzen Frühling […] Manchmal gingen sie auch gemeinsam mit ihren Hunden spazieren oder zusammen in den Biergarten. Sie verabredeten sich wieder für den nächsten Donnerstag. Er wollte nur noch Bescheid geben, wo sie sich treffen würden. Am nächsten Donnerstag meldete er sich nicht. Am Freitag auch nicht. Nie mehr wieder.“ Anonymer Ghosting-Text

Werden Khedira und Boateng je wieder für Deutschland spielen?

Stand jetzt, weiß niemand, ob Khedira und Boateng nicht doch bald wieder für Deutschland auflaufen werden. Die Tendenz geht aber gefühlt in Richtung Abschied. Vor allem bei Khedira (wenn man sieht, wie ein Eggestein oder ein Neuhaus gerade durch die Decke schießen). Vor allem mit Blick auf die zukunftsgerichtete Strategie, die Löw seit seiner Amtsübernahme im Jahre Schnee fährt: Unser Weltmeister-Trainer baut nach einem Großturnier sofort eine neue, jüngere Mannschaft auf. Er nominiert Spieler, von denen er der Überzeugung ist, dass diese in 2 Jahren beim nächsten Turnier besser sind als seine jetzigen / bisherigen Stammspieler – auch wenn die Jungen bei ihrer ersten Team-Einberufung inklusive den darauffolgenden Monaten noch unter dem Leistungsniveau der arrivierten Spieler agieren. Ein aktuelles Paradebeispiel ist Jonathan Tah (der oft der junge Jerome Boateng genannt wird). Sehr wahrscheinlich ist Tah gegenwärtig noch nicht besser als ein Boateng, Löw setzt aber darauf, dass der junge Leverkusen-Star es bei der EURO 2020 ist – also dann, wenn es wirklich drauf ankommt für Deutschland. 

„Ich bin davon überzeugt, dass ihm aktuell eine Pause guttut. Ich habe ihm gesagt, dass wir auch auf seiner Position viele Alternativen haben, gerade mit jüngeren Spielern. Diese müssen natürlich erst mal beweisen, dass sie an das Niveau von Jerome herankommen können.“

Joachim Löw über sein Gespräch mit Oldie Jerome Boateng

Die Länderspiele gegen Russland und die Niederlande sind die letzten für das DFB-Team in diesem Jahr. Man darf gespannt sein, ob Löw nächstes Jahr die Alt-Stars Khedira und Boateng wieder zur Mannschaft einladen wird – oder ob er sie einfach geghosted hat. 

Daniel Hoffmann – Autor und Gründer von Fußball und Football News