Netflixs erfolgreiche Formel 1 Dokumentation „Drive To Survive“ klammert viele Aufreger-Themen der Saison aus – vor allem die Pleiten, Pech und Pannen der Formel 1 Teams sowie der FIA.

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Voller Freude habe ich mir die neueste Staffel von „Drive To Survive“ angeschaut. Seit Jahren bin ich ein großer Fan der hervorragend gemachten Netflix-Formel 1- Doku, die einem spannende Einblicke in die Welt des Sports, der Fahrer und Teamchefs näher bringt.

Dementsprechend stürzte ich mich voller Elan auf Folge 1 von Staffel 5 und suchtete die üblichen neun Folgen innerhalb von wenigen Tagen zu Ende. Die Themen, die vorkamen, verwunderten mich. Genauer gesagt: Die Themen, die nicht vorkamen, verwunderten mich!

Denn die Auswahl für die Zusammenfassung der Formel 1  Saison 2022 ist ziemlich erstaunlich:

* Das peinliche Regel-Chaos beim Weltmeistertitel von Max Verstappen in Suzuka

* Der Absturz von Seriensieger Mercedes sowie der Fall von Lewis Hamilton

* Die Fehler- und Pannenserie von Weltmeisterschaft-Favorit Ferrari über die ganze Saison

Diese Aufreger und Schlagzeilen der Saison 2022 werden in Staffel 5 von Netflixs „Drive To Survive“ extrem klein gehalten. Entweder kamen sie nur marginal vor – oder gleich gar nicht vor.

Die Massenmedien hingegen: Sie stürzten sich regelrecht auf alle diese Themen und schlachteten das sportliche Versagen der Formel 1-Teams sowie der FIA weidlich aus.

Die Sozialen Medien sowieso: Die Fans schrieben sich die Finger wund, pushten die Themen in den Twittertrends ein ums andere Mal an die Spitze.

Doch „Drive To Survive“ konzentrierte sich lieber vornehmlich auf eine heile Formel 1 Welt, anstatt primär und ausführlich von den echten Highlights der Saison zu berichten.

Netflix informierte fast schon gechillt von einer Formel 1-Saison, die viel Stoff lieferte.

Natürlich hat „Drive To Survive“ nur 10 Folgen Zeit, kann nicht alles hineinbringen, was so im Laufe einer langen Formel 1 Saison passiert. Hat einiges von oben zumindest angerissen. Doch dass viele entscheidende Szenen, Aufreger und Schlagzeilen der Saison 2022 nicht gebührend berücksichtigt wurden – das ist sehr schade.

Ist Verstappen Weltmeister oder nicht?

Max Verstappen gewinnt den Großen Preis von Suzuka. Doch ist er nun auch bereits vorzeitig Weltmeister? Niemand wusste es. Verstappen und Red Bull feierten ihren Rennsieg, aber nicht den Weltmeistertitel. Kein legendärer Funkspruch von Teamchef Christian Horner an Max Verstappen: „Max, you´re two times World Champion.“ Keine ausgelassene Weltmeister-Feier der Boxencrew. Keine emotionalen Umarmungen. Kein Jubel. 

Zahllose Journalisten und Fans drehten nach dem Ende des Grand Prix durch: Ist Max Verstappen jetzt schon Weltmeister oder ist er es noch nicht? Einmal war er Weltmeister! Dann wieder nicht! So unwürdig, aber zugleich auch so denkwürdig wie diese Entscheidung ging noch keine Andere über die Bühne. Die FIA leistete sich eine der größten Peinlichkeiten in der Geschichte des Rennsports, weil sie das eigene Regelwerk nicht kannte. Und Netflix lässt das verrückte WM-Chaos unter den Tisch fallen.  

Apropos Suzuka, nicht die einzige Kuriosität, die sich beim Japan GP abspielte und nicht gebracht wurde: Wegen starker Regengüsse, die nicht und nicht enden wollten, artete Suzuka für viele Fahrer und für noch mehr Fans vor den Bildschirmen lange Zeit zu einer Farce aus. Nach zwei Runden wurde das Rennen mit einer Roten Flagge abgebrochen, das gesamte Rennen dauerte Stunden und es gab etliche Zwischenfälle. Im selben Rennen stand ein Abschleppkran gefährlich auf der Strecke herum, während die Boliden noch fuhren.

Es war eines der spektakulärsten Rennen der Saison – neben Silverstone.

Die genannten Vorfälle sorgten weltweit für viel Aufregung. Aber „Drive To Survive“ konnte oder wollte keine Dramaturgie im Japan-GP erkennen. Beispielhaft war die beiläufige Mini-Erwähnung des Krandesasters, die in wenigen Sekunden abgehandelt wurde. 

Gleiches Dilemma bei den Misserfolgen von Mercedes und Ferrari

Mercedes-Dramen nur am Rande erwähnt

Wir sind es gewohnt, dass Mercedes die Schlagzeilen in der Formel 1 bestimmt. Die Silbersterne waren auch 2022 Dauergast in den weltweiten Sport-Nachrichten. Allerdings nach den Jahren der Dominanz und dem verlorenen WM-Titel 2021 in der allerletzten Runde dieses Mal nur mit ungewohnter Erfolglosigkeit und einem hüpfenden Auto. Natürlich war Mercedes immer noch ein Top-Team, das zahlreiche Podiumsplätze einfuhr. Doch stürzte der Rennstall, der sieben Fahrer-Weltmeisterschaften und acht Konstrukteurstitel in Serie einfuhr, für seine Verhältnisse 2022 in die Bedeutungslosigkeit ab. Stichwort „Extremes Porpoising“. 

Seriensieger Mercedes lief sogar ernsthaft Gefahr, erstmals seit 2011 eine Saison ohne einen Sieg zu beenden. Die Frage war zuletzt nur noch: Gewinnen Sie das eine Ehre und Statistik rettende Rennen noch – oder nicht? Erst George Russel beendete im vorletzten Rennen der Saison die Horrorserie von Mercedes ohne einzigen Sieg. Netflix war der unverhoffte und ungewohnte Absturz des Dominators des letzten Jahrzehnts keine ausführliche Berichterstattung wert. Die Fahrer belegten im Endklassement nur die Ränge 4 und 6. Mercedes rutschte vom 1. auf den 3. Platz ab.  

Apropos: Auch der große Lewis Hamilton fuhr 2022 unter ferner Liefen. Der siebenfache Weltmeister tuckelte meistens nur mehr der Konkurrenz hinterher. Der „Sir“ konnte in dieser Saison unglaublicherweise keine einzige Pole und keinen einzigen Sieg verbuchen (nur mehr Podestplätze). Der tiefe Fall des ewigen Dominators fand keinen besonderen Platz in 10 Folgen.  

Stattdessen kam in „Drive To Survice“ überproportional oft ein gewisser Daniel Ricciardo vor. Der Gute war aber 2022 als zweiter Fahrer von McLaren sportlich völlig irrelevant.

Die Themenwahl in Staffel 5 – man muss sie nicht immer nachvollziehen können, oder? 

Aber okay, Max Verstappen und Red Bull haben 2022 mehrere Formel 1-Rekorde gebrochen. Und fanden ebenfalls mit ihrer Fabelsaison kaum Widerhall in der Saison-Rückschau.  

Ferrari-Dramen nur am Rande erwähnt

Ähnlich wie bei Mercedes streifte „Drive To Survive“ auch die unfassbare Pleiten-, Pech- und Pannenserie von Ferrari nur kurz. Der große Name Ferrari hat in 2022 so viele Böcke geschossen, dass diese in der langen Formel 1-Geschichte ihresgleichen suchen. Der fatalen Scuderia-Aktionen zogen sich über die ganze Saison hinweg, kosteten frühzeitig den Weltmeistertitel und den Konstrukteurs-Titel. Die blamablen Aktionen von Ferrari hielten die Sozialen Netzwerke über Monate in Atem und ließen die Rote Göttin zum Gespött in der ganzen Welt werden. So viele Memes wie zu Ferrari gab es wohl zu keinem anderen Team.  

Netflix brachte in seiner Doku nur die sportlichen Ferrari-Siege am Anfang, sparte in weiterer Folge die roten Pleiten, Pech und Pannen weitestgehend aus. Doch allein dieses Ferrari 2022 hätte ein ganze Folge verdient gehabt, mit schonungsloser Aufarbeitung der Missgeschicke. 

Wie Teamchef Mattia Binotto und sein Strategie- und Boxenteam stümperhaft die Weltmeisterschaft verspielten, das hätte man dramaturgisch wunderschön aufziehen können.

PS: Hat Netflix eigentlich zumindest gebracht, dass bei einem Ferrari-Boxenstopp zunächst tatsächlich ein Rad fehlte? 

Vettel-Rücktritt – nur eine Marginalie in „Drive To Survive“

Unverständlich war auch, wieso der Vettel-Rückblick kaum Thema war. In der Medienlandschaft löste dieser ein Erdbeben aus. Wochenlang gab es nur Vettel hier, Vettel da. Netflix ließ den Vettel-Rücktritt weitestgehend links liegen. Befasste sich selbst in der 10. und letzten Folge lieber mit dem unbedeutenden Hinterher-Fahrer Daniel Ricciardo.  

Wieso Ricciardo und nicht Vettel?

Der geschasste Australier war als McLaren-Fahrer völlig untergegangen in dieser Saison und ist 2023 „nur mehr“ Ersatzfahrer – während bei Vettel einer der größten Rennfahrer aller Zeiten dauerhaft die große Bühne verließ. Wenn einer die finale Huldigung ganz am Schluss verdient hätte, dann wohl der vierfache Weltmeister und 53-fache GP-Sieger. DAS wäre ein emotionales und würdiges Ende der Staffel gewesen.  

Schade!

Somit fanden viele Topthemen, Aufreger und Skandale der Formel 1 Saison 2022 in „Drive To Survive – Staffel 5“ keinen Platz – oder wurden nur stiefmütterlich abgehandelt. Das ist schade und aus journalistischen Gründen nicht  nachvollziehbar. Wenn es auch löblich ist, dass die Kleinen auch mal ihre 15 Minutes of Fame bekommen – und nicht immer nur die Big Three. 

Und natürlich will Netflix mit „Drive To Survive“ weder die FIA, noch die Formel 1, noch die Automarken, noch die Rennstars anpatzen oder gar diskreditieren.

Aber aus Sicht eines Formel 1-Fans und langjährigen Sport-Journalisten hätte ich mir dann doch andere Themen mehr hervorgehoben gewünscht. 

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Daniel Hoffmann, Gründer und Autor von Fußball und Football News